OUROBOROS_4
Photo: Boris Petrovsky

Projekt Title: OUROBOROS

VN 31.03.2017
VN Vorarlberger Nachrichten 31.03.2017
Redakteurin Ariane Grabher
»Ouroboros«
Johanniterkirche Feldkirch
Installationen zeitgenössischer Kunst



Plexiglas, Modelleisenbahn, Kabel, Seil, Lichtprojektion
ø 150 cm

Kultur – Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 06.04.2017


Eröffnung 31. März 2017 | 20 Uhr
Mit Albert Kümmel-Schnur, Medienwissenschaftler Uni Konstanz

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 bis 12 Uhr und 15 bis 18 Uhr Samstag 10 bis 14 Uhr


"Loops versprechen, dass der schöne (aber auch der schreckliche) Augenblick nicht vorübergehen muss, sondern verweilen kann, jetzt und für immer. Dass er wieder-(ge)holt werden kann, bis aus der Lust Überdruss wird. Oder aus Ennui Transzendenz."
(Tilman Baumgärtel, »Schleifen. Zur Geschichte und Ästhetik des Loops«, Berlin 2015)

Rasend in den Stillstand

Ein Zug fährt scheinbar endlos im Kreis. Er jagt sich selbst gefangen in seiner Welt. Solange, bis er sich verzehrt. Das ist ein Bild, das Boris Petrovsky von unserer Gegenwart zeichnet. Er nennt dieses Bild „Ouroboros“, nach dem altägyptischen Symbol der Schlange, die sich in den Schwanz beißt.

„Ouroboros“ schwebt im Altarraums der Johanniterkirche. Im Inneren der doppelwandigen Plexiglaskugel fährt der Containerzug einer Modelleisenbahn im Kreis. Die Lok und die Waggons holen sich fast ein bei dieser scheinbar unendlichen Fahrt auf der äquatorialen Scheibe. In deren Mitte befindet sich ein Loch, das mit den Lichtreflexen zum neuen, zentralperspektivischen Mittelpunkt des Raumes wird. Von oben fallendes Lichtachse durchdringt dabei die Kugel. Die Lücke zwischen der Lokspitze und dem Ende des letzten Waggons, in der sich der Zug scheinbar auf sich selbst zurückzubiegen versucht, verweist auf ein Zeitparadoxon, erläutert Petrovsky. Die Lücke als Nische scheint sich immer mehr zu schließen und in einem Kurzschluss aufzulösen. Die Zukunft scheint vor der Gegenwart zu kommen, woraus sich ein Eindruck steter Beschleunigung ergibt. Algorithmen und ihre digitalen Netzwerke berechnen mögliche Zukünfte voraus. Sie bilden dabei unsere eigene Logik des Begehrens ab, aus der Wunschvorstellungen entstehen, noch bevor wir sie selbst entdecken und entwicklen. Hat Zukunft noch etwas mit Zufall zu tun, also mit etwas letztlich Unberechenbarem, Unbekanntem?

Die Kugel mit dem Zug kommt durch die Fahrt in eine leichte, schlingernde Bewegung, die sich sich selbst austariert. Ihre projizierten Schatten auf dem Boden erscheint als freskenhaftes, filmisches Diagramm von Zeitschlieren. Der sich zerspielende Kreislauf, in dem der Zug über seine geloopte Bewegung tausende Runden in der Woche fährt überzieht die Scheibe nach und nach durch den Abrieb der Schienen und der Räder mit feinem, goldenem Staub. Er überdeckt im Laufe der Zeit die Projektion.
Der Sound des Zuges erscheint wie das Grundrauschen der Daten- und Warenströme. Die goldene Spur ist der Indikator der Endlichkeit der Zugbewegung. Wenn das Schienen- und Rollmaterial aufgebraucht ist, entgleist der Zug und verunglückt. Das Material wird erneuert und es geht weiter.
Boris Petrovsky: „Das im Schlingern sich austarierende Kugelsystem referiert auf die Welt im Taumel zwischen Euphorie und Depression, Sicherheitsbedürfnis und Risikobereitschaft, Rekordjagd, Rundlauf und Fluchtimpulse, Sollwert und Istwert, auf die Sehnsucht nach dem Ernstfall und freiem Spiel, nach Gebrauchtwerden und andauernder Entspannung zwischen Traum und Alptraum.“

Für Petrovsky ist die Eisenbahn Symbol eines Systems mit prinzipieller Planungssicherheit, prognostischer Verlässlichkeit und Kontrollierbarkeit. Ein Scheitern dieser Erwartungen wird als eine narzisstische Kränkung des verstandesmäßigen Glaubens an technischen Determinismus erlebt, der die individuelle Freiheit und Entfaltung ermöglichen soll – oder sie ersetzt. „In dieser Welt regiert die Paradessenz des Sowohl-als-Auch. Alles soll wie auf Schienen rollen, pünktlich und effizient sein und nicht vom Weg abweichen. Dabei will jeder sein wie alle anderen – und doch zugleich individuell erscheinen und seinen eigenen Weg gehen.“

Medienwissenschafter Albert Kümmel-Schnur von der Universität Konstanz sieht in dieser Installation in der Johannes dem Täufer gewidmeten Kirche das Bild einer angekündigten Katastrophe oder auch Apokalypse: „Zur Apokalypse macht der Kirchenraum das Bild, das ohne diesen gar nicht erscheint. Vielleicht würde man in anderen Kontexten die Interpretation nicht auf eine theologische Deutungsfigur bringen. Doch Installation und Kirchenraum informieren sich wechselseitig: Der Kirchenraum umhüllt den Ouroboros architektonisch wie semantisch in genau dem gleichen Maße, wie der Ouroboros - kein christliches, sondern ein antikes Symbol, wahrscheinlich im alten Ägypten zum ersten Mal gebräuchlich - den christlichen Raum mit einem zusätzlichen zentralen Objekt füllt und von innen her neue Bedeutung anlegt oder, wenn man so will, andere Bedeutungen.“

In Kirche und Kugel entstehen Verschneidungen von Glaube, Religion, Kunst und Warenwelt von Hoffnung, Fakt und Fetisch, Aufladung und Entladung mit Bedeutung und Sinn, von Bild und Zeit.