TRUE&FALSE-isms_3
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Projekt Title: TRUE&FALSE-isms

»TRUE&FALSE-isms, oder: Höhlengleichnis rerereloaded« ist ein gebauter Film: eine Matrix aus Licht, Neon, Schriftzeichen, Diagrammen, Kabeln und Rhythmen. Ausgehend vom platonischen Höhlengleichnis und seinen medialen Spiegelungen – von der Sonne als Idee des Guten bis zur roten Pille der Matrix – verweigert das Werk die Erlösungsgeste einer „wirklichen Wirklichkeit“. Stattdessen entfaltet es eine fragile Choreografie von Zeichen, die ihre eigenen Schatten werfen und ihr eigenes Licht modulieren. Es ist kein Abbild einer anderen Realität, sondern eine Konstellation aus Schleifen, Rückkopplungen und Resonanzen, in der das Verhältnis von Zeichen, Wirklichkeit und Wahrnehmung als unheimliche Präsenz – als die Anwesenheit von etwas Abwesendem – erfahrbar wird.

True/False – Eins/Null – Signal/kein Signal sind der Puls, aus dessen Rhythmus Sprachen hervorgehen – auch die der digitalen Daten, die sich in Algorithmen zu verselbstständigen scheinen.

Neonröhren, Aluminiumröhren, Gussstahlverbinder, Turntable, Videoprojektor, Kamera, Kabel, Drahtseile, Wandfarbe, Bodenbelag, Zeitsteuerung

10,3 m x 3,5 m x 3 m

 

KOMETEN. 25 Jahre Kunstmuseum Celle

Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon, Celle

07. Oktober 2025 bis April 2026

Philipp Geist | Daniel Hausig | Hartung Trenz | Margareta Hesse | Albert Hien | Hans Kotter | Brigitte Kowanz | Mischa Kuball | molitor & kuzmin | Boris Petrovsky | Stephan Reusse | Regine Schumann | Paul Schwer | Otto Piene | Jan van Munster

 

 

»TRUE&FALSE-isms, oder: Höhlengleichnis re-re-reloaded«

Boris Petrovsky, Okt. 2025

Die Installation »TRUE&FALSE-isms« ist ein sogenannter „gebauter Film“ – so bezeichnet Boris Petrovsky seine komplexen, raumgreifenden und raumschaffenden Installationen.

Das Werk – auch „das rote Zimmer“ genannt – ist zugleich Höhle, begehbares Studio, Szenografie, Schriftfilm und kinematografischer Raum. Es erzeugt eine immersive Atmosphäre, in der sich Bewegung, Schrift, Licht und Klang überlagern – ein rhythmisches Ballett aus Zeichen, Bildern und Wahrnehmungen zwischen seriellen, linearen und kreisförmigen Bewegungen.

 

Rhythmus und Struktur


Das Werk arbeitet mit mehreren rhythmischen Ebenen und Taktungen.

Im ersten Modus – dem Neonmodus – leuchten und blinken die gläsernen Buchstaben T, R, U, E und F, A, L, S, E in intensivem Neonrot. Anfangs blinken sie synchron, geraten dann in ein unregelmäßiges Durcheinander, finden sich wieder zu lesbaren Wörtern und verlieren sich erneut in flackerndem Chaos.

So entsteht ein polymetrisches Spiel von Ordnung und Entropie, von Klarheit und Auflösung.

Die Begriffe TRUE und FALSE stammen aus der digitalen Logik – sie bedeuten „an/aus“, „Strom/kein Strom“. Zugleich verweisen sie auf ein uraltes philosophisches Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Täuschung, wie es bereits Platons Höhlengleichnis beschreibt.

Im Zeitalter algorithmischer Bild- und Textproduktion, in der Bild und Text zum Code verflüssigt sind, von echtzeitlich KI-generierten Inhalten und vernetzten Feedbackschleifen, erscheinen diese Begriffe heute fragil und fließend – ihre Bedeutung oszilliert, wird selbst zum Teil des Codes.

 

Licht, Material und Bewegung


Die großen gläsernen Buchstaben sind fragile Neonobjekte – an der Grenze dessen, was physisch mit Glas und Gas herstellbar ist.

Eine rot leuchtende Neonskulptur aus zickzackförmigen Linien – Petrovsky nennt diese Art seiner Lichtskulpturen Cluster – erinnert an Diagrammkurven oder an den graphischen Puls eines Oszilloskops. Sie dreht sich langsam gegen den Uhrzeigersinn, wodurch der Eindruck entsteht, das Objekt käme einem entgegen.

Diese Cluster-Formen entstehen aus klarem Glas, gefüllt mit reinem Neongas – der klassischen „Rotentladung“, wie sie in den 1910er Jahren in Paris erstmals aufleuchtete.

Die Lichtskulptur wirft ihren eigenen Schatten, der durch eine Live-Videoprojektion auf die Rückwand des Raumes fällt. Im Schattenbild entstehen bewegte "Licht-Zeitschlieren", die an Hitzeflirren, Wasseroberflächen oder glühende Energie erinnern.

Die Projektion ist ein Livebild des Clusters selbst, das über eine Kamera aufgenommen und durch den Cluster hindurch auf die Rückwand projiziert wird. Da Wand und Licht dieselbe Farbtönung teilen, verschmelzen Bild und Raum zu einer optischen Illusion – einer Phantasmagorie.

Eine Zigzag-Röhre im Cluster leuchtet nicht – sie ist eine Klarglasröhre ohne Gas.

Es ist ein Suchspiel der Wahrnehmung und ihr einfaches Hintergehen, Täuschen oder auch nicht-Bemerken. 

 

Konstruktion und Raumwirkung


Das Gestell aus Aluminium und Stahl kontrastiert mit dem gläsernen, lichtdurchlässigen Material. Es verjüngt sich perspektivisch nach hinten und erzeugt eine dramatische Raumflucht, die an filmische Szenenbilder erinnert. Es kontrastiert das fragile Material des Glases und bildet zusammen mit den Neonbuchstaben, der drehenden Neonskulptur und den technischen Einbauten eine Art Matrix. Matrix bedeutet eine tabellenförmige Anordnung, die etwas hervorbringt; von Matrix, lat.  Gebärmutter. Im Film »The Matrix« ist es eine immersive, computersimulierte Wirklichkeit.

Beim Betreten des Raumes verändert sich die Akustik spürbar: Schritte klingen weicher, der Raum absorbiert Klang – die Wahrnehmung wird körperlich.

 

Zweiter Modus: Dunkelheit und Projektion


Im zweiten Modus erlischt das Neonlicht schlagartig – ein „Filmschnitt“ oder Filmriss.

Nun bleibt der Raum fast dunkel, nur die Projektion eine Videofilmes ist aktiv: das Videobild wird durch den drehenden Cluster hindurch an die Wand geworfen. So überlagern sich Projektion, Schatten und Skulptur in Echtzeit.

Das Video selbst ist eine Stop-Motion-Animation aus Atelierfotografien einer früheren, teils eingestürzten Cluster-Skulptur. Durch die manuelle Animation der Einzelbilder entsteht eine stroboskopartige, fast unheimliche Bewegung – zwischen maschinischem Eigenleben und geisterhafter Präsenz.

Auf dem klaren Glas entstehen Reflexe, die den Schatten und die Projektion zu einer bewegten Diaphanie verdichten – ein Zusammenspiel von Licht, Zeit und Materie, das wie ein flimmerndes, atmendes Wesen wirkt. Winzige Lichtpunkt-Reflexe, die wie Glühwürmchen auf- und absteigen, zeichnen die Zigzagformen wie hüpfenden Punkte auf einem Oszilloskop nach.

Das kann man aus der Nähe zum Cluster gut beobachten.

 

 

Referenzen und Konzeptionelles


»TRUE&FALSE-isms« hat Referenzen zu László Moholy-Nagys „Lichtrequisit / Licht-Raum-Modulator“ und zu Otto Pienes »Lichtraum«. Bei Petrovsky werden Prinzipien daraus zum „gebauten Film“: einem erweiterten Spannungsfeld zwischen Text, Zeichen, Bild, Material und Energie. Es spielt mit Intraaktivität und Interaktivität – nicht im Sinne technischer Reaktion, sondern als Resonanz im Bewusstsein der Betrachtenden: Was geschieht in uns, wenn Licht, Schrift und Schatten sich überlagern?

Das Werk spielt mit dem Prinzip von Animation und Animismus – dem „Beleben des Unbelebten“ – und erzeugt so eine Wahrnehmung von Bewegung und Bewusstsein.

Welche Formen von Wahrnehmung, Denken, Erinnern entstehen in dieser Situation permanenter Mit-Anwesenheit – in einem „Internet State of Mind“, in dem alles zugleich beobachtet, aufgezeichnet und gespiegelt scheint?

Die im Celler Kunstmuseum gezeigte Arbeit war in Vorläuferversionen und -konstellationen unter dem Titel »TRUE/FALSE« 2021 in Madrid beim Medienkunstfestival Canal Connect ¿Maquina Loca? und 2025 im Kunstmuseum Singen in der Einzelausstellung »TURBATORY« zu sehen. Für das Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon ist eine spezifische und in der Poetik des gebauten Films erweiterte und fortgeschriebene Fassung entstanden.